Germteig hält die Welt zusammen. Vielleicht.

Eigentlich wollte ich jetzt noch ein paar London-Eindrücke fertigschreiben. Ein paar lustige Erlebnisse, Bilder, aber auch die Eindrücke der massiven Polizeipräsenz in einer akut bedrohten Weltstadt, die wir südösterreichische Provinzler im Straßenbild überhaupt nicht kennen.

Auch wenn wir vom Panik-Modus weit entfernt sind, kann man nicht behaupten, dass man ohne jeglichen dunkelgrauen Gedanken am Flughafen in der Schlange steht oder in eine U-Bahn steigt.

„Was kann man denn da machen?“ fragt angesichts der schrecklichen Bilder aus Brüssel eine Frau ihren Vater in den unglaublich berührenden U-Bahn-Gedanken von Mitzi und er antwortet:

„Einen Hefezopf!“

Ja genau!

Oder in diesem Fall: Osterpinzen. Die backe ich jedes Jahr in rauhen Mengen. Nichts kann tatsächlich dunkelgrauen Gedanken, Hektik, Trübsal und Traurigkeit besser den Garaus machen, als Germteig. Seidig weicher, warmer, gold duftender Teig, diese wunderbare Metamorphose einzelner Zutaten, aus der man all die Zeit und Liebe und Langsamkeit herausschmeckt, die es beim Backen braucht. Duftendes Gebäck, greifbar gewordene Erinnerung an die Kindheit, an liebe Menschen, an besondere Anlässe. Heute ist Karfreitag. Ich bin nicht katholisch, aber ich halte fest an christlichen Werten. Es schadet nicht, ein paar Stunden inne zu halten, in sich zu gehen und sich klar darüber zu werden, was einem wirklich wichtig ist im Leben, wer man sein will und für was wir stehen (wollen) – in Zeiten von verstörenden Nachrichten mehr denn je.

Germteig für den inneren Frieden, Germteig hält die Welt zusammen (und wer je welchen mit den Händen geknetet hat, weiß, dass das möglich ist).

Lasst uns backen.

ZUTATEN UND ZUBEREITUNG

Die wichtigste Zutat beim Germteigbacken ist, wie bei so vielen Dingen, Zeit. Ein paar Stunden sollten es sein, wobei ein großer Teil davon mit dem Genießen von ein, zwei Tassen Tee und guter Musik – wie wäre es einmal mit Klassik? – oder einfach entspannender Ruhe zugebracht werden kann. Für was nehmen wir uns eigentlich noch Zeit – oder was nimmt uns die Zeit?

Dann beginne man damit, die Backzutaten herzurichten (denn am besten hat alles Zimmertemperatur) und das Backrohr kurz kuschelwarm aufzuheizen. So oft kann man die Zutaten des Alltags nicht selbst bestimmen, wir leben nach fremden Rezepten. Es ist zu kalt oder zu heiß. Aus welchen Zutaten soll unser Leben bestehen?

1kg Mehl. Seidig, fein und ganz weich fühlt sich Mehl an. Ich kann nicht anders, ich muss immer mit den Händen in die Schüssel greifen und es spüren, dieses feine Puder.  In der Tenne meines Großvaters stand eine Mühle, ein großes, verstaubtes, furchtbar lautes Ding. Wir Kinder durften nie zu nahe dran, damit wir ja im Besitz aller Finger blieben und nicht wie Max und Moritz klein geschrotet als Hühnerfutter endeten. Oben wurden die Körner in einen Trichter geschaufelt, die ganze Tenne war erfüllt von Mehlstaub und Lärm. Unten wurde in einem Sack das Mehl gesammelt. Es war ein sehr grobes Mehl, mitsamt der Kleie und den ganzen Spelzen. Vielleicht wurde damit auch nur das Futtergetreide für die Tiere geschrotet, ich weiß es nicht mehr. Aber an den Geruch werde ich mich immer erinnern.

1/4 l Milch. Milch war für mich seit frühester Kindheit Lebenselixier, Trostpflaster und Heilmittel. Diese süßlich-milde weiße Flüssigkeit, mit einem Löffel Honig darin, später heiß aufgeschäumt mit Kaffee – das holt mir die Lebensgeister zurück. Mein Opa hatte eine einzige Kuh, Bernadette, der hier auf jeden Fall einmal noch eine eigene Geschichte gewidmet wird. In der eigens eingerichteten Melkkammer stand für mich immer ein Keramik-Becher mit einer Rose darauf bereit. Oft bin ich noch direkt im Schlafanzug in den Stall gelaufen und habe von meinem Opa einen Becher frisch gemolkener, kuhwarmer Milch bekommen. Die Milch für den Germteig mag genau gleich warm sein, nicht heiß, nicht zu kalt.

1 Würfel Germ. Die kleinen Zaubergeister, die das Wunder erst gelingen lassen, hassen nichts mehr als Stress, Kälte oder Hitze. Auch die kleinen hilfreichen Zaubergeister im täglichen Leben lassen sich am besten dadurch vertreiben, dass man in Eile ist, ohne  Wärme und Gespühr füreinander oder unter hektischem Volldampf. An solchen Tagen will nichts gelingen, alles geht schief. Kein Wunder.

Ich mag keine Trockengerm, für mich muss es die frische Germ sein. Ich reiße das Papier rund um den kleinen Würfel ab. Frische Germ riecht leicht säuerlich, aber immer angenehm und frisch.  Sie fühlt sich kühl und elastisch an, glatt und lässt sich gut zerbröckeln. Das mache ich jetzt auch: den graubraunen Würfel vorsichtig in die lauwarme Milch zerbröseln und auflösen, am besten mit einem kleinen Schneebesen verrühren.

1/4l Weißwein. Weißwein steht für mich für meine Heimat, die Steiermark, in der besonders gute Weißweine gekeltert werden, für Verbundenheit. Verbundenheit mit der Gegend, aus der ich komme und die Verbundenheit, wenn man mit Freunden gemütlich bei einem Glas Wein zusammensitzt. Mindestens genau so sehr wie das Glas Wein mit Freunden, liebe ich das berühmte Küchenachterl. Denn das kommt immer vor einem schönen Essen, mit Liebe gekocht für Menschen, die mir wichtig sind. Es duftet aus den Töpfen, einmal noch aufgießen, und ein Schluck davon in’s Glas, ein bisschen Salz in den Topf, ein paar Kräuter, gleich läutet es an der Tür.

Diese beide Achterl von einem guten, milden Weißen kommen jetzt zu der Milch-Germ-Mischung, die daraufhin ausflockt, aber das macht nichts, die drei verstehen sich gut miteinander.

Die Wein-Germ-Milch mischt man in einer großen Schüssel mit so viel vom Mehl, dass ein dicker Brei entsteht, das ist das „Dampfl“. Das wird jetzt mit einem sauberen Küchentuch zugedeckt wie ein Baby und hält im lauwarmen Backrohr ein gemütliches Nachmittagsschläfchen.

Kurz bevor man das blasig-schaumig aufgegangene Dampfl aus seinem gemütlichen Schläfchen holt, zerlasse man ungefähr 200g Butter. Ich koste mich gerne durch viele Gerichte und Geschmäcker. Aber wofür ich wahrscheinlich immer alles stehen lassen würde und was ich immer als erstes essen muss, wenn ich von einer Reise zurück komme, ist eine dicke, von Hand geschnittene Scheibe Schwarzbrot mit Butter drauf. Butter steht für mich für „Heimkommen“ und für „Einfachheit“. Wenn mir alles zu viel ist, ich nicht auch noch über’s Essen nachdenken will, dann mache ich mir ein Butterbrot, vielleicht noch mit ein bissl Salz und Schnittlauch drauf.

Mit der Küchenmaschine schlage ich jetzt 8 Eidotter mit 140g Zucker schaumig. Es gibt von mir ein Foto, da bin ich vielleicht neun Jahre alt. Ich habe einen bunt-geblümten Rock an und komplett zerzauste Zöpfe. Ganz so, als hätte ich mich wieder direkt nach dem Aufstehen nur hastig angezogen und wäre sofort hinausgelaufen. Ich komme gerade aus dem Hühnerstall. Meine schönsten Ferien waren immer am Bauernhof meiner Großeltern und die Tiere, mit denen ich mich am meisten beschäftigt habe, waren die Hühner. Der Blumenrock war gut geeignet dafür, in den hochgeknoteten Rockzipfeln die frisch gelegten Eier in’s Haus zu tragen. Eines davon wurde mir dann zum Frühstück weich gekocht. Ich mag den Brauch, einander zu Ostern gefärbte Eier als Symbol des Lebens zu schenken.

Im Vorraum, wo mein Opa die Stiefel auszog und seinen Strohhut auf den Haken hing, stand hinter dem Vorhang immer eine Schachtel mit Würfelzucker. Davon durften wir Kinder dann ein paar einstecken und als Belohnung den Pferden geben, wenn sie sich von uns brav von der Weide in den Stall führen hatten lassen. Manchmal haben wir auch einen Würfel gestiebitzt und selbst gelutscht. Kein Bonbon konnte je so süß schmecken wie dieser „Pferdezucker“.

Durch den Zucker lassen sich die Dotter zu einer hellgelben, cremigen Masse aufschlagen. Da wird nun die zerlassene, etwas abgekühlte Butter langsam dazu gegossen, während die Maschine weiterrührt. Meine Mutter musste beim Backen die Küchenmaschine bewachen wie ein Schießhund und mit dem Mehl schnell sein, denn wenn sie nicht aufgepasst hat, haben wir uns mit Löffeln in der Hand herangeschlichen und so viel vom Teig weggenascht, dass sie nocheinmal ein, zwei Eier hineinschlagen musste, um den Naschverlust wett zu machen.

Jetzt kommt auch das Dampfl in die Rührschüssel dazu und der Teig ist vor Dieben wieder sicher, denn rohes Dampfl im Teig schmeckt gar nicht gut. Wenn alles gut verrührt ist, wird löffelweise das restliche Mehl dazugefügt. Zuvor ist noch 1TL Salz und ein guter TL Gewürze  im Mehl gelandet. Das könnte die abgeriebene Schale einer Zitrone, Vanille sowie etwas gemahlener Ingwer, Kardamom und Anis sein. Anis lasse ich immer weg, denn mein Schwager kann Anis nicht leiden. Seit vielen Jahren entsteht zu Ostern immer der gleiche Dialog zwischen uns: „Ist da Anis drin?“ – „Nein, ich weiß, dass du das nicht magst!“ – „Ah gut, weil deshalb sind deine Pinzen die besten!“. Und als wir dieses Jahr angekündigt haben, dass wir in der Karwoche wegfahren, war die erste Frage „Aber gibt’s dann keine Pinzen?“ (mit schreckgeweiteten Augen). Wahrscheinlich würde er das kleine bisschen Anis gar nicht herausschmecken. Aber es geht gar nicht um ein paar Körner, sondern darum, dass ich diesen Familienbrauch mag. Deswegen, für meinen Schwager, sind meine Pinzen ohne Anis. Stattdessen nehme ich „Mysterium Libarius“ – „Das Geheimnis des Kuchenbäckers“ – von Ingo Holland. Gänzlich anisfrei sorgt es für einen besonders geheimnisvollen Geschmack. Und Geheimnisse sind im Zusammenhang mit Familientraditionen immer ganz praktisch.

Irgendwann „in der Mitte vom Mehl“ wird man, wenn man keine leistungsstarke Küchenmaschine hat, die ganze Masse auf eine Knetunterlage kippen und den Teig mit der Hand fertigkneten. Das macht man nun so lange, bis der Teig nicht mehr klebt und beginnt, sich sowohl von der Unterlage als auch von den Händen zu lösen. Dazu braucht es Geduld, wie für so vieles. Es nutzt auch nichts, wenn man „hudelt“ (= österreisch für: etwas schnell-schnell und dadurch etwas schlampig machen). Wie bei so vielem. Das Gluten im Mehl lässt sich bitten. Wie so vieles.

Der Teig darf nun noch einmal zurück in seine Schüssel, die hoffentlich sehr groß ist, und die Schüssel wiederum zurück in ihre kuschelwarme Backrohrhöhle. Dort kann man sie nun getrost für eine Stunde vergessen.

In dieser Zeit beginne ich meistens mit dem Färben der Ostereier. Meiner Mutter waren ökologische und gesunde Lebensmittel schon wichtig, lange bevor die „Alles Bio“- Welle dahergeschwappt ist. Statt der üblichen chemischen Farben wurden (und werden noch) im Reformhaus Pflanzen und Wurzeln gekauft. Es war nie wirklich vorauszusehen, welche Farben die Eier nun tatsächlich haben würden. Der amüsanteste Jahrgang war auf jeden Fall der, in dem irgendeine Wurzel die Eier tiefbraun gefärbt hat und der Eierkorb wie eine Ladung Pferdeäpfel ausgesehen hat.

Nach einer guten Stunde hat sich das Volumen durch die kleinen Zaubergeister mindestens verdoppelt. Meine Rührschüssel hat eine großen „Gupf“ oder geht sogar über. Der Teig ist nun luftig-schwammig, feinporig und leicht und wird noch einmal kräftig auf der Unterlage durchgeknetet. Mit einer Teigkarte sticht man nun seifenstück-große Portionen ab, die man leicht bemehlt zwischen den Handballen kräftig rollt, bis daraus ganz glatte Kugeln entstehen. Die Teigmenge ergibt je nach Größe um die 25 Stück.

Diese Kugeln setzt man nun nebeneinander auf ein Blech, das man vorsorglich mit Backtrennpapier ausgelegt hat. Dabei ist es wichtig, den Pinzen-Rohlingen genügend Freiraum zu geben. Nur wer genügend Freiraum bekommt, kann sich zu seiner vollen Größe entfalten.

Jetzt verrührt man noch zwei Eidotter mit einem Schluck Milch und bepinselt die kleinen Schätzchen sorgfältig rundherum. Das ist sozusagen die Sonnencreme für die Pinzen. Meine Mutter hat immer schon viel gebacken. Wir Kinder sind dabei leidenschaftlich gerne um sie herum geschlichen. Nicht nur, um Teig zu naschen, sondern weil wir immer schrecklich gerne mithelfen wollten (außer, wenn es hinterher um’s Aufräumen ging, da hatten wir immer plötzlich gaaaanz viele Aufgaben zu machen). Das Bestreichen von Backwerk mit Ei war so eine typische Aufgabe, die wir übernehmen durften.

Für die typische Form nimmt man nun eine Schere und schneide die Pinzen in der Mitte mutig und tief ein. Dann kommen sie in das gut vorgeheizte Rohr. Nach einigen Minuten beginnt es im ganzen Haus wunderbar zu duften. Von jetzt an braucht es nicht mehr lange: wenn die Pinzen rundherum schön goldig-hellbraun sind, sind sie fertig.

In unserer Gegend gibt es das so genannte „achte Sakrament“, nämlich die Fleischweihe, also die Segnung der Osterspeisen. Diese kurze, kleine Feier ist eine der klassischen „heiligen Zeiten“, wo es sogar reine Taufscheinkatholiken in eine Kirche verschlägt. In der Kirche meiner Kindheit fand die Fleischweihe immer am Karsamstag nachmittags statt. Als wir klein waren, bekamen wir die Körbchen vollgepackt und sind mit unserer Oma zur Kirche spaziert. In der Zwischenzeit konnte der Osterhase dann ungestört sein Werk verrichten und die Nester verstecken. Deshalb war und ist es bei uns Tradition, dass es die Osterjause am späten Samstagnachmittag gibt. Es ist nicht leicht, die duftenden Osterpinzen bis dahin vor frechen Diebstahlversuchen zu schützen. Denn Pinzen vor der Osterjause zu essen, ist wie Packerlaufmachen am Vormittag des Heiligen Abends.

Der letzte Schluck Tee in meiner Tasse ist ausgekühlt, das Haus ist erfüllt von diesem unbeschreiblichen Duft. Mittlerweile backe ich die zweite Partie, denn irgenwie setzt doch immer vorösterlicher Pinzenschwund ein und es gibt lange Gesichter, wenn ich unseren Gästen keine Pinzen für das Frühstück am Sonntag einpacke.

Ein bisschen Butter drauf, ich brauch keine Marmelade, ich esse auch keinen Schinken dazu, wie es bei uns üblich ist. Einfach nur Pinze und Butter. Dann beiße ich hinein in den goldgelben Flaum und vergesse einen Augenblick alles um mich herum. Bei diesem ersten Bissen bin ich nie allein. Unser Tisch ist ausgezogen, die Familie ist da, es wird gelacht, wie jedes Jahr kommt die Schüssel mit dem frisch gerissenen Kren genau vor meiner Nase zu stehen. Das Tochterkind versucht, alle im Eierpecken zu schlagen und schiebt dann die angedepschten Eier herüber, weil essen mag sie sie dann nicht. Mein Schwager stellt die Anisfrage und die Neffen schauen auf die Uhr, damit sie das große Osterfeuer der Nachbarn nicht versäumen. Wie jedes Jahr hat meine Schwiegermutter viel zu viel Schinken und Osterwürstel gekauft und wie jedes Jahr fängt mein Mann an zu husten, weil er sich zu viel scharfen Kren auf’s Brot geschaufelt hat. Dann reiche ich den Pinzenkorb noch einmal durch die Runde.

Heute, am Karfreitag, duftet meine kleine Welt tröstlich und süß.

Elfi

Das kleine Mädchen ist vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Es hat Blumen im Arm und einen Zettel, vielleicht ein Brief, eine kleine Notiz, vielleicht eine kleine Zeichnung, denn das Mädchen zeichnet sehr gern. Vielleicht hat die Mutter des kleinen Mädchens Geburtstag, denn es hat ein hübsches Kleid an und eine große weiße Schleife in den langen blonden Haaren, als würde es auf ein Fest gehen.

Das Kleid hat die Mutter bestimmt selbst genäht, denn sie ist sehr kreativ und geschickt. Sie legt großen Wert darauf, dass ihre beiden Töchter immer hübsch angezogen sind und sich wohlerzogen benehmen, darum hat sie erst vor ein paar Tagen mit den beiden geschimpft, als sie wieder einmal barfuß und in den hübschen Schulkleidern mit den Bauernkindern über die Weiden getollt und durch den Bach gestapft sind. In einer Tasche des neuen Kleidchens war sogar ein Loch, weil das Mädchen vergessen hatte, den kleinen Feitel zuzuklappen, mit dem es am Bach ein Weidenpfeiferl geschnitten hat. Wie das geht, hat ihr der Knecht vom Nachbarshof gezeigt, von dem hat sie auch den Feitel und er hat den beiden Schwestern auch beigebracht, wie man so richtig schön flucht – aber das trauen sich die beiden zu Hause nicht.

Die Blumen stehen jetzt in einer Glasvase auf dem Tisch, das Teegeschirr ist abgeräumt und die Mutter sitzt mit einer Handarbeit auf der Veranda, nicht zu weit in der Sonne, denn das ist nicht nobel und macht Flecken auf der Haut. Bei den Mädchen sehen die Sommersprossen unter den blonden Locken niedlich aus, aber eine erwachsene Frau ist nur gebräunt, wenn sie auf dem Feld arbeitet. Das muss sie zum Glück nicht.

Das kleine Mädchen setzt sich neben die Mutter auf die Bank und blinzelt in die Sonne. Sie ist sehr wissbegierig und will alles erkunden, fragt den Eltern und der Lehrerin Löcher in den Bauch, liest, was immer sie in die Finger bekommt.

„Mama,“ fragt das Mädchen, „wie wird das sein, wenn ich einmal groß bin?“

Was hat sie Dir wohl geantwortet? Was antwortet man einem kleinen Mädchen mit weißer Schleife im Haar und zerkratzten Knien auf diese Frage?

Dass man nie so genau weiß, was die Zukunft bringen wird, aber der liebe Gott wird auf Dich aufpassen, vertrau ihm nur, und bewahre Dir immer ein reines Herz und Dein frohes Gemüt, sei immer freundlich, hilfsbereit und bescheiden, jammere nicht, wenn Du fällst, stehst Du wieder auf. Sei nicht hochmütig, sei fleißig, ehrlich und dankbar, dann wird alles gut. Ich will, dass Du glücklich wirst, sagt Mama. Versprich mir das.

Behalte Dein frohes Gemüt, wenn Deine erste große Liebe, ein verwegener Bergkamerad, einen anderen Weg geht, kurz vor dem Ziel rechts abgebogen, eine andere Route geklettert im Leben, eine gefährlichere, weg von Dir. Trotzdem heiter, nicht jammern, die Gitarre in der Hand, ein Lied auf den Lippen, immer ein Lied, viele Lieder. Lieder von den Bergen, der Natur, kein schöner Land, und war keins zur Hand, dann wurde flugs eins geschrieben.

Bleib ehrlich, wenn rund um Dich nur noch Lügen sind, falsche Versprechungen, infame Verleumdungen, hasserfüllte Propaganda. Da sind doch so viele Freunde, Kameradschaft, wir sind füreinander da, bergsteigen und tanzen, Lagerfeuerromantik, falsche Freiheit, falsche Lieder, über die Heimat, für den… nicht für den lieben Gott? Doch, für den auch. Ganz still. Vertrau ihm. Jammere nicht.

Behalt ein reines Herz, wenn die Welt um Dich in Flammen aufgeht, die Lügen und Versprechungen nichts als Trümmer und Asche und Leid und Tod. Versprechen muss man doch halten. Was ist daraus geworden? Jammere nicht, weil alles eine Lüge war. Umsonst. Wie kann ich da glücklich werden? Frei?

Sei dankbar für die neue Liebe und für Dein Kind, sei dankbar für das nackte Überleben, nichts zu haben ist mehr als jene besitzen, denen auch das Leben gestohlen wurde. Sei dankbar und jammere nicht. Steh auf. Werde glücklich. Sei glücklich. Frag nicht wie, fang einfach an.

Steh auf, wenn du gefallen bist und sei bescheiden. Und zäh. Du lässt Dir Dein Glück nicht nehmen. Ich möchte, dass Du glücklich bist, mein Kind. Bin ich, verdammt noch einmal (nein, fluchen schickt sich nicht). Ich hab ein Recht auf Glück. Und auf Freiheit. Ich hab’s Dir versprochen, Mama. Die Knie sind zerschunden, steh auf und jammere nicht.

Sei fleißig, denn geschenkt wird einem nichts. Übernimm die Verantwortung, hilf den anderen, der Schwester, den Nichten und Neffen, der Familie, hilfsbereit, da, verlass Dich auf mich. Mach was aus dem Wenigen, setz die Scherben wieder zusammen und kleb Dir ein Pflaster auf die Knie.

Die Zeit heilt alle Wunden. Fast alle. Das Leben ist gut. Es ist Dein Leben. Lerne, lehre, gib Deinen Glauben weiter und Dein Vertrauen in das Gute im Menschen, diesen unerschütterlichen Optimismus, wird schon alles einen Sinn haben, gib es weiter, an dein Kind, Deine Schüler, Deine Enkel. Sei froh im Herzen, großzügig, zufrieden und vertrau auf Gott und den Heiligen Antonius.

Alles wird gut.
Alles ist gut.

Blumen in Deiner Hand und ein Brief. Für mich?
Was schreibst Du mir? Bestimmt ein Lied, ein kleiner Reim. Heile, heile Segen… alles wird gut. Ich will, dass Du glücklich bist, Kinderl. Oh ja, das bin ich, Oma. Sehr sogar.

Die Blumen, die Du mir, uns, geschenkt hast, blühen klein und bescheiden. Ich kenne sie alle. Die Vogelstimmen, die Bäume. Umarm‘ einen Baum, der gibt Dir Kraft. Ich geh durch den Wald und kann sie hören, die zwei kleinen Mädchen, an Deiner Hand – immer ist sie da, Deine Hand – fröhlich plappernd, Deine Stimme, die zur Stille ermahnt „Hört ihr die Finken? Sie pfeifen Regen!“ Nein, an diesem Nachmittag regnet es nicht. Es regnet überhaupt ganz selten, denn Du bringst es sogar fertig, die Wolken wegzuschieben von Deinen Enkelkindern. Deine Hand hält uns fest.

Sei froh im Herzen.

Das kleine Mädchen mit der weißen Schleife in den blonden Haaren rutscht von der Bank und läuft auf die Wiese vor dem Haus. Ein Lied auf den Lippen pflückt es noch einen Strauß. Vergissmeinnicht.

Nein, ich vergess Dich nicht. Nie.

Die ersten Veilchen blühen. Und die Primeln. Wenn man fest an der gelben Blüte saugt, schmeckt man manchmal ein winziges süßes Nektartröpfchen.

Das Leben ist süß.

Ich bin glücklich. Und frei.

Danke, Oma. Ich hab Dich lieb.

 

Elfi, 19. März 1915 | 22. Juli 2014

 

Grau

Grau.
Draußen.
Drinnen.
In mir.
Regentropfen am Fenster. Auch grau.
Männer in knallgelben Westen, der einzige Farbtupfer.
Ihr fehlt.
Ein Mann hinter mir im grauen Anzug redet hektisch etwas Wichtiges in sein Telefon, selbst das hört sich grau an.
Die Stunden rinnen genau so träge dahin wie die feinen Rinnsale aus grauen Regentropfen an der Scheibe.
Graue Regentropfen aus bleischweren grauen Wolken.
Zuerst an den Scheiben eines langen, schnellen Zuges.
Dann an den Panoramafenstern eines großen grauen Flughafens.
Jetzt sind die Scheiben kleingrau und gehören zu einem grauen Flugzeug.
Ihr fehlt.
Alles grau.
Meine Augen sind müde und nehmen die hektische Betriebsamkeit da unten vor dem grauen Flugzeug nur noch undeutlich wahr, eine verschwommene graue Welt aus Metall, Beton, kleinen Fahrzeugen, Containern, Asphalt und Kerosingeruch.
Mir fehlt an solchen Tagen unser Bunt.
Aus den Lautsprechern nerviges Walzergedudel, ein tongewordenes, vergilbtes, vergrautes Mozart-Faschingskostüm, das jemand aus einer grauen Mottenkiste auf einem grauen Dachboden gezogen hat. Man riecht den Staub, das Abgetragene, vermischt mit dem Geruch aus grauen Anzügen, anstrengenden Sitzungsterminen, verblasstem Rasierwasser und Kantinenessen. Aus grauen Kantinen in grauen Firmengebäuden in einer grauen Stadt, in der an diesem grauen Tag graue Themen verhandelt worden waren.
Jetzt Mozart statt Strauß. Eine beliebige Aufnahme, von irgendeinem beliebigen Orchester lieblos heruntergefiedelt, eine graue Entsprechung zur berüchtigten Fahrstuhlmusik. Flugzeugmusik.
Grau.
Ihr fehlt mir so…
Stunden noch, bis ich endlich zu Hause bin und das klebrige Grau in der Dusche runterspülen kann. Da schlaft ihr schon. Trotzdem wird es mich sofort wieder einhüllen, umschmiegen, trösten, heilen, schmeicheln, glücklich machen.
Ausatmen.
Unser Bunt.
All das, was mein Leben bunt macht.
Ihr.
Unser Leben.
Stunden noch.

Spiele mit allem…

Niemand, nicht einmal die edelste, reichste, schönste Prinzessin auf Erden oder im Märchenland (was mit sechs oder sieben Jahren ungefähr das gleiche ist), hatte so schöne Kleider und bewohnte ein großartigeres Haus inmitten eines verwunschenen Gartens, wie unsere Barbie-Puppen. Gebettet auf Pfingstrosenblättern, bedeckt mit feinstem Batist, das lange blonde Haar kunstvoll geflochten, Fee, Waldelfe mit Kleidern aus Buchenblättern, oder eines der zauberhaften Wesen, nachempfunden diesen unglaublich schön gezeichneten Märchenbüchern, die, zwar reichlich lädiert, heute noch in meinem Bücherregal stehen. Wir, meine Schwester und ich, haben uns unsere eigene Märchenwelt erschaffen.

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„Die schönsten Märchen Europas“, Paul Wanner / Severino Baraldi, Verlag Junior International. Die Bücher müssen Mitte der 70′-Jahre erschienen sein, eine ISBN-Nummer gibt/gab es nicht

Geschichten über Zaubervögel, später kleine große Gedichte, der Zeichenblock, Bücher, überall Bücher, die sagenhafte Werkstatt hinter dem Haus, in der staubige Bilderrahmen lehnten, wackelige Stühle, angelaufene alte Messinghaken, Farbdosen in den Regalen, dieser unbeschreibliche Geruch aus Leim, Holz, Staub und Lack in der Luft. Vor Ostern war der Küchentisch voll mit Farben und Styropor-Blöcken, in denen Spieße mit bemalten Eiern steckten, dann und wann tauchte Rohkeramik auf, Stickgarn, tagelang stand oft die Nähmaschine heraußen, Wolle und Stricknadeln ruhten im Wohnzimmer auf großformatigen Zeitungsstapeln. Immer wurde an irgendwas gebastelt, gearbeitet, gelesen oder gemalt. Einen 36er-Farbstiftkasten habe ich gehütet wie einen Schatz. Und immer und überall, auch heute noch bei meiner Mutter, liebevolle kleine Dekorationen und Blumen. Diese armdicken Blumensträuße aus dem Garten waren legendär.

Schon als Kind habe ich nicht von der sprichwörtlichen Konditorei oder dem Süßwarengeschäft geträumt, in die ich gerne eingeschlossen worden wäre. Mein Wunschverlies wäre ein Papiergeschäft gewesen. Feinstes Papier, Stifte, Farben, Sticker, Bänder, Tinte. Das ist bis heute so. Papier, matt schimmernde weiße Seiten, glatte Blätter oder rauher Karton, übt eine magische Anziehungskraft auf mich aus.

Auch wenn sie in manchem Lebensabschnitt vom Alltag, manchmal länger, manchmal kürzer, in eine Ecke geschubst wurde, irgendwann musste sie immer raus, diese schöpferische Energie, diese Freude, etwas zu erschaffen, zu malen und zu schreiben.

Ein Nachmittag mit Freundinnen, auf den Fingern Brandblasen von der Heißklebepistole, auf meinem Tisch ein buntes Chaos aus Zweigen, Draht, Keksen, Moos, Papier und Sektgläsern, Farbkleckse auf den alten Jeans und müde nach einem stundenlangen Mal-Ausflug, einen Wollfaden zwischen den Fingern dahingleitend, die Füllfeder über glattes Papier blaue Spuren ziehend, tief eingetaucht in diese von Kindheit an vertraute Welt – es gibt kaum etwas Inspirierenderes für mich, als solche Stunden in meinem ganz persönlichen Zaubergarten.

Irgendwann lagen die Prinzessinnen-Kleider wieder fein säuberlich in der Tücher-Schublade unserer Mutter, die Pfingstrosenbetten verwelkt, die verwunschenen Geschöpfe erlöst. Aber ein kleines Bisschen vom Zauber dieser Märchenwelt ist geblieben: spiele mit allem, denn in allem ist Kreativität versteckt. das Lachen und die Energie eines „verbastelten“ Nachmittags, die eine Blüte, die beim Frühstück ein einem kleinen Arrangement das Auge erfreut, das eine Wort, das zu einer Geschichte führt, der eine Gedanke mit Farbe zu Papier gebracht

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Der große Schnee

Unlängst auf dem Heimweg ist mir aufgefallen, dass in unserem kleinen Ort am Rand der großen Stadt in nagelneue Schneestangen investiert worden ist. Knallgelb und ziemlich stolz ragen sie kerzengerade aus der aperen Wiese, trotzen Februarstürmen, Autofahrern und haxlhebenden Hunden. „Ha!“, rufen sie ganz laut in die winterfahle Umgebung, „wart’s nur ab, irgendwann brauchst Du mich, wenn Du nach dem zigtausendsten Mal Heimfahren im Schneegestöber dann doch vergessen hast, wo die Straße ist. Dann leuchte ich Dir knallgelb den Weg!“. Das haben davor schon viele Schneestangen selbstbewusst hinausposaunt, bis sie Ende März von einem Gemeindearbeiter ausgerupft oder aufgesammelt wurden, achtlos auf die Ladefläche des Gemeindelasters geworfen und dann den Sommer über irgendwo eingelagert. Denn wir haben schon lange keine Schneestangen mehr gebraucht.

Aber einmal vor langer Zeit konnten alle Stangen in Graz und Umgebung zeigen, was sie drauf haben. Ein Ereignis, an das sich jeder Grazer über 35 noch ganz genau erinnern kann, eines, das sich in’s kollektive Gedächtnis eingebrannt hat (so wie leider nur ein einziges, weiteres im letzten Sommer).

1986.

Der große Schnee.

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Quelle und Berichte zum Jahrhundertschnee: http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Damals_in_der_Steiermark/Jahrhundertschnee

Es war ein Samstag Abend, vielleicht war es auch Sonntag, das weiß ich nicht mehr so genau, auf jeden Fall war es der Beginn der Semesterferien und der Abend eines kalten Wintertages. Glaube ich halt, Erinnerungen machen sich ja gerne einen Scherz daraus, sich im Lauf das eine oder andere Schnörksel aufzusetzen und sich ein bissl umzufärbeln, je nachdem wird die Erinnerung fröhlich- schillernd- schrill oder aber farblos trist. Diese hier ist weiß. Sehr weiß. Jedenfalls könnte ich schwören, dass im Fernsehen „Dr. Schiwago“ lief. Wahrscheinlich nicht, aber es passt so gut dazu. Es begann leicht zu schneien. Feine, grisselige Kristalle, wie Staub. Immer mehr und immer mehr kam da aus den schweren, grauen Wolken heruntergerieselt. Feiner Schnee ist ja viel hinterhältiger als die sogenannten „Schneuzfetzen“, die einem recht imposant ganz ordentlich auf die Nase klatschen, aber insgesamt nicht so viel Rums haben, wie dieser feine, kalte Dr. Schiwago-Staubzucker-Schnee. Denn der kommt in Massen. Und bleibt liegen. Und freut sich über Wind, und der Wind freut sich über den Staubzucker, denn mit dem ist es lustig. Den kann man so schön herumwehen, und auftürmen und in Fensterritzen und unter undichten Türen durchblasen. Das dürfte ordentlich Spaß machen. Wenn man Wind ist von Beruf. Komm spielen!

Und wie die beiden gespielt haben! Es rüttelte an den Balken, es pfiff durch die Ritzen (wir hatten damals eine nette kleine alte Villa mit vielen undichten Ritzen und knarzenden Balken)  und heulte um’s Haus. Und es rieselte. An den Scheiben bildeten sich Eisblumen und in den undichteren der alten Fenster sammelte sich Schnee zwischen den beiden Flügeln. Vor der Küchentür auf der Rückseite des Hauses, wo es besonders heulte und pfiff, bildete sich eine meterhohe Schneewächte.

Wir gingen alle mit diesem besonderen, aufregenden Kribbeln schlafen, das einen befällt, wenn man nicht so genau weiß, was einen am nächsten Tag erwartet. Man weiß nur, dass es etwas Besonderes, etwas Ausgefallenes sein wird.

Und es war aufregend. Und besonders, was uns da erwartete. Und es war ganz still. Die Welt war in Watte gepackt. Vor den Küchenfenstern ging es auf selber Höhe weiß weiter. Die Hintertür ließ sich nicht mehr öffnen. Dahinter hatte sich eine Wand aus Schnee gebildet. Dort, und im Garten, und über die Straße und auf den Wiesen, bei jeder Geländekante türmten sich meterhohe Wächten. Durch die windgeschützte Haustür konnte man das Haus verlassen, sich in Schihose und Stiefeln mühsam einen Weg durch den hüfthohen Schnee rund um’s Haus bahnen. Die Schneeschaufel war natürlich fein säuberlich im Gerätekammerl verstaut, und auch das war zugeweht. Die wahren Pioniere arbeiteten sich mit den Händen und Kübeln oder Mistschauferln durch die weißen Massen. Bis zum Mittag hatte sich jeder kleine Laufkorridore um’s Haus gegraben, am Nachmittag begannen die ersten Nachbarn, ihre Korridore miteinander zu verbinden. Ab da war es nicht mehr ganz so leise. Man hörte fröhliches Kinderquietschen. Sehen konnte man die Stöpsel alle nicht, nur von den größeren ragten bunte Mützenbommel über die Kanten der Laufwege. Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten und verfluchten das Schicksal, denn wenn nicht Ferien gewesen wären, wäre es völlig unmöglich gewesen, in die Schule zu kommen. Aber das war auch das einzige, was uns geärgert hat. Alles andere war ein Riesenspaß.

Alles, was schaufeln konnte, schaufelte. Wir Kinder gruben Höhlen in die Wächten, rodelten mit den Bobs durch die frisch geschaufelten Bahnen, man half sich in den nächsten Tagen gegenseitig mit Brot, Milch und Eiern aus, denn wir kamen zuerst nicht runter von unserem kleinen Berg. Die einzige Straße war eine schmale, steile Gasse und kein Pflug konnte die Schneemassen bergauf schieben, weil links und rechts kein Platz war. Außerdem war alles, was eine Schaufel vor der Stoßstange montiert hatte, im Stadtgebiet unterwegs, da war so ein kleines Gässchen auf einem kleinen Berg drittrangig. Achtrangig.

Nach weiteren zwei Tagen hatten die Männer passierbare Bahnen in der Gasse freigeschaufelt, sodass man zu Fuß den Berg hinabstapfen konnte (oder man setzte sich auf den Schlitten). Dort unten war ein kleines Geschäft, wo wir sonst nur selten eingekauft haben, weil alles immer ein bissl grindig war. Aber damals hat die Inhaberin das Geschäft ihres Lebens gemacht. Dort, vor dem Laden, war auch die Busstation, die auch wieder mit großen Verspätungen angefahren wurde.

Und unten, in der Stadt, entstanden in diesen Tagen diese ganzen legendären Bilder, die jeder Grazer 35+ im Kopf hat: Langläufer in der Herrengasse, wo sich normalerweise die Straßenbahnen den Weg durch kaufwütiges Innenstadtpublikum bahnen. Wedelkurven in der steileren Sporgasse. Große watteweiße Mugl am Rand von Stellen, wo normalerweise Straßen waren. Die Mugl waren zugeschneite Autos. Einige davon standen bis in den Frühling, weil sich die Besitzer die Mühe nicht machen wollten, ihre (ihre? oder war es ein paar Meter weiter drüben?) Autos auszubuddeln. Auf den Murbrücken fehlten etappenweise die Geländer, die waren entfernt worden, damit die Kipplaster dort den Schnee in den Fluss kippen konnten, denn man wusste nicht mehr, wohin damit. Denn im Stadtpark war schon ein gigantischer Haufen aufgetürmt, den bereits die Kinder mit ihren Rutschbobs erobert hatten. In den folgenden Wochen wurden massenweise Fahrräder aus den Kraftwerksrechen weiter südlich der Stadt gefitzelt, die versehentlich zusammen mit dem Schnee im Fluss gelandet waren. Hätte es damals schon Instagram gegeben, wären die Feeds voll gewesen mit lustigen #grazversinktimschnee oder #Jahrhundertschnee – Bildern. 1986 trug man noch einen belichteten Film zum Händler. Darum gibt es nicht so viele Fotos wie heute, erst recht nicht kollektiv gespeichert und mit Hashtags archiviert, und darum sind auch viele Erinnerungen so schön schnörkselig.

Diejenigen mit Allradautos ode Schneeketten chauffierten jene ohne derartige Ausrüstung, man ging füreinander einkaufen, man half einander oder sowieso all jenen, die durch die weißen Massen überfordert waren. Das Leben in der Stadt kam wieder in Gang, nur halt ein wenig gedämpfter, langsamer, entspannter und fröhlicher. Ein paar Dezimeter Schnee haben die Grazer zusammengeschweißt. Das Kollektiv funktionierte. In Ausnahmesituationen halten alle zusammen. Das war im Februar 1986 so und im Juni 2015. Das erste habe ich hautnah miterlebt, das zweite zum Glück nicht.

Ich kenne niemanden, der sich nicht in manchem Winter mit breitem Grinsen und sehnsüchtigem Blick „endlich einmal wieder so viel Schnee wie damals“ gewünscht hätte.

So wie die knallgelben Schneestangen. Keine Ahnung, woher die das wieder wissen. Vielleicht liegt ganz hinten im Gemeindelager noch eine uralte, staubige, krumme, ausgebleichte Stange herum, die dabei war und den angeberischen Neulingen davon erzählt hat, vom Einsatz ihres Lebens…